12.09.26, 18 Uhr: Katrin Rohnstock "Der große Schock - Ostdeutsche erzählen von den Folgen der Treuhand-Politik "

Einladung zu  
„Der große Schock – Ostdeutsche erzählen von den Folgen der Treuhandpolitik“ mit Katrin Rohnstock

Sa, 12.09.26, 18:00 Uhr

Liebe Mitglieder,  
liebe Freundinnen und Freunde des ost-west-forums, 
meine geehrten Damen und Herren,  
 
in wenigen Wochen jährt sich die friedliche Revolution, welche die beiden deutschen Teilstaaten nach der Trennung 1945 wieder zusammenführte, zum 36. Mal. Es waren vornehmlich die Bürger der DDR, welche mit Elan und voller Hoffnung auf eine andere, bessere Zukunft die Wiedervereinigung friedlich erstritten. Unterstützt durch ein gewandeltes weltpolitisches Umfeld waren sie es, welche die Gunst der Stunde erkannten, das Heft des Handelns in die Hand nahmen und diese nach Westen ausstreckten. Und wenn auch die Folgen dieses Umbruchs noch gar nicht vollständig zu übersehen waren, dämmerte es doch so manchem unter ihnen, dass sie mit diesem Schritt ihre gesamte Existenz in die Waagschale werfen würden.  

Und der sogenannte „Westen“, die Bundesrepublik Deutschland? Seine Bürger schienen zunächst mehrheitlich seltsam unberührt, beobachtend, was da geschieht. Einzelne fragten sich besorgt, was sie persönlich diese Wiedervereinigung kosten würde, ganz im Stil ihrer Erziehung in einer reinen „Wirtschaftsdemokratie“ mit der – wenn auch sozialen – Marktwirtschaft als bestimmendem Element. In wieder anderen erwachte der moderne Jagdinstinkt, müsse es doch mit dem Teufel zugehen, erschlössen sich aus diesem Übergang nicht völlig neue Möglichkeiten, das eine oder andere „Schnäppchen“ zu machen. Dann gab es diejenigen, die in Teilen der DDR-Betriebe eine plötzlich erwachsene, unerwünschte Konkurrenz erblickten. 

Und hier wurde der Keim für eine Tragödie gelegt, die dem einmaligen Glücksmoment der friedlichen Revolution einen bitteren Beigeschmack verleihen wird. Eine Bitterkeit, die bis heute nicht vergehen will: Denn so schwer der Anteil der Ostdeutschen an der glücklichen Wiedervereinigung wog, so gering war ihr Anteil an der dann folgenden ökonomischen Umsetzung. Vielmehr entstand allenthalben der Eindruck, dass ihre Eigenleistung – auch dokumentiert in der Vielzahl zur Wende funktionierender DDR-Betriebe – in der Zukunft der neuen Bundesrepublik keinen Platz mehr haben sollte, ja, keinen Platz mehr haben durfte.  

Als Synonym für die „kollektive Entwertung“ gilt die „Treuhandanstalt“, kurz Treuhand genannt. Sie war im März 1990 noch von der letzten DDR-Regierung unter Modrow als staatliche Behörde ins Leben gerufen worden (Treuhandgesetz der Volkskammer), um das Vermögen der DDR-Bürger zu sichern. Ihr Leitspruch lautete: „Schnell privatisieren, sorgsam sanieren, behutsam stilllegen“. Ziel: Überführung planwirtschaftlicher Betriebe in die soziale Marktwirtschaft. In der Summe hatte die Treuhand rund 8.500 Betriebe mit bis zu vier Millionen Beschäftigten zu „transformieren“ – eine Mammutaufgabe. Nahezu verzugslos von westdeutschen Managern „gekapert“ bestanden ihre Führungskader bis zur formellen Auflösung 1994 mehrheitlich aus der alten Bundesrepublik. Im Ergebnis ihres Wirkens stand u.a. die nahezu verzugslos erfolgte Privatisierung von 14.000 Unternehmen unter Inkaufnahme eines sprunghaften Anstieges von Arbeitslosigkeit: Von vier Millionen Arbeitsplätzen 1990 blieben bis Ende 1994 nur noch rund 1,5 Millionen übrig. Damit einher gingen persönliche Schicksalsschläge und Traumatisierungen von im Deutschland der Nachkriegszeit ungeahntem Ausmaß.          

Und hier kommt unser heutiger Abendgast ins Spiel: Wir freuen uns, dass es uns gelungen ist, mit Katrin Rohnstock eine profunde Kennerin der Umstände des wirtschaftlichen Über- und Niedergangs der DDR-Ökonomie im Zuge der Wiedervereinigung als Referentin gewonnen zu haben.       

Ihr Vortrag, zu dem ich herzlich einlade, bewegt sich entlang ihrer jüngsten Buchveröffentlichung. 

In ihrem Buch beleuchtet Frau Rohnstock persönliche Schicksale im Zuge der „Transformation“ seitens der Treuhand, den damit vielfach einhergehenden kulturellen, sozialen und ökonomischen Entwurzlungen.  

Doch genug der Vorrede und freuen wir uns auf den Vortrag von Frau Rohnstock und der anschließenden Diskussion. 

Wir freuen uns, Frau Rohnstock auf Gut Gödelitz begrüßen zu dürfen. Zum Vortrag und dem anschließenden Gespräch laden wir Sie herzlich ein. 

Mit freundlichen Grüßen 
Jean Lacroix 

 

Zur Person:   

Katrin Rohnstock, Jahrgang 1960, Autorin und Literatur- wie Sprachwissenschaftlerin, gilt als Chronistin der Übergänge menschlichen Lebens und hat hierzu vielfach, auch in Kooperation mit anderen Autoren, publiziert. Ihre einfühlsamen Lebensgeschichten erreichen ein breites Publikum.  

Nach Studium der Germanistik in Jena und Berlin gründete sie im Jahr 1998 u.a.  das Unternehmen Rohnstock Biografien welches sich zur Aufgabe macht, menschliche Autobiografien festzuhalten und der Gegenwarts- wie Nachwelt u.a. in Buchform zu erhalten. Familien- und Firmengeschichten werden in sog. Erzählsalons hierarchiefrei thematisiert. Für ihre Reihe Ost-West-Erzählsalons erhielt Frau Rohnstock im Jahr 2010 den „Frauenbrücke-Preis für die innere Einheit in Deutschland“, 2012 den „Berliner Unternehmerinnenpreis 2012/13“. Im Spätjahr 2020 schließlich erfolgte die Auszeichnung mit dem Preis „Schwerter zu Pflugscharen“ der Stadt Dresden. 

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